DRACHENBLUT: DIE SOKOTRA-REISE VON NIKON-AMBASSADOR MARSEL VAN OOSTEN

Donnerstag, 27. Februar 2020

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Sokotra, die Inselgruppe vor der Küste des Jemen ist ein UNESCO-Weltkulturerbe – und wird nicht selten als Ort des Gartens Eden bezeichnet, ein Zentrum biologischer Vielfalt im Arabischen Meer. Sein Name kommt vom Sanskritwort für Paradies, und mehr als ein Drittel seiner Pflanzenarten findet man nirgendwo sonst auf der Welt. Das Highlight dieser aussergewöhnlichen Pflanzenwelt ist der schirmförmige Drachenblutbaum mit seinem roten Saft – der Legende nach das Blut der Vorfahren. Aber so idyllisch es auch klingt, Sokotra leidet unter dem Bürgerkrieg im Jemen und ist seit Jahren für Touristen unzugänglich. Verschiedene Länder haben für die ganze Region Reisewarnungen ausgesprochen.

D850 | AF-S NIKKOR 14-24mm f/2.8G ED | 24mm | f/4 | 2.5 s | ISO 3.200

D850 | AF-S NIKKOR 14-24mm f/2.8G ED | 15mm | f/5.6 | 2.0 s | ISO 800

Beschwerliche Anreise

Die Reise nach Sokotra war eine grosse Herausforderung für Marsel. Jahrelang hatte er überlegt, dorthin zu fahren und jede erdenkliche Option erkundet. Aber es gab keine Flüge und selbst Boote waren nicht erlaubt. Als es endlich wieder Flüge gab, ergriff er die Gelegenheit. Aber um dorthin zu gelangen, musste er erst einmal auf dem Festland des Jemen landen, bevor er auf die Insel weiterfuhr. Das bedeutete natürlich ein zusätzliches Risiko. Viel musste berücksichtigt werden, bevor er überhaupt das erste Foto machen konnte.

Z 7 | NIKKOR Z 24-70mm f/4 S | 53mm | f/11 | 1/400s | ISO 64

Was treibt einen Landschaftsfotografen an, sich so extreme Bedingungen in einem Kriegsgebiet auszusuchen, weit ab von der Zivilisation? Marsel van Oosten antwortet: "Ok, ich gebe es zu: Ich liebe Bäume. Viele meiner erfolgreichsten Landschaftsbilder zeigen besondere Bäume. Von den legendären toten Kameldornbäumen in Namibia, den riesigen Baobabbäumen in Madagaskar oder den Zypressen in Louisiana bin ich immer begeistert, wenn ich sie fotografiere. Ich verfolge einen starken ästhetischen Ansatz, wenn ich meine Motive wähle: Schönheit steht an erster Stelle. Es gibt seit Jahren einen besonderen Baum an der Spitze meines Wunschzettels: den Drachenblutbaum. Er hat eine aussergewöhnliche Form, ist sehr fotogen und kann nur auf der Insel Sokotra gefunden werden."

Mehr über Marsels Arbeit und seine Drachenblut-Expedition gibt es unter www.squiver.com

"Mein Land hat keine Botschaft im Jemen. Wenn also alles schief gegangen wäre, wäre ich auf mich alleine gestellt gewesen. Auf Sokotra gibt es keine medizinischen Einrichtungen, was mir auch Sorgen machte. Ich wusste, dass wir viel in abgelegenen Gebieten und auf sehr felsigem Gelände wandern würden. Die Suche nach einer Versicherung für eine Reise in ein Kriegsgebiet war eine weitere Herausforderung. Ausserdem überlegte ich mir: Wenn dem Flughafen auf dem Festland etwas zustösst, weil die Infrastruktur immer eines der Hauptziele im Krieg ist, müsste ich eventuell sehr lange auf Sokotra festsitzen."

Und natürlich war es in einer abgelegenen Region ein weiteres wichtiges Thema, seine Ausrüstung während einer zweiwöchigen Expedition mit Strom zu versorgen. "Wir mussten die meiste Zeit campen, ohne Strom ausserhalb der Dörfer. Da wir planten, mehrere Tage am Stück abseits jeglicher Stromversorgung zu bleiben, mussten wir darüber nachdenken, wie wir unsere Kameras, Lichter, Laptops, Telefone und Drohnen aufladen können. Nikon half uns mit der Lieferung einer ganzen Kiste Akkus, sodass wir diese nicht aufladen mussten. Alles andere haben wir über eine Autobatterie und Solarmodule geladen. Der wichtigste Teil der Vorbereitungen war für mich aber wie immer, Ideen für bestimmte Bilder zu entwickeln. Wenn du weisst, was du fotografieren willst, weisst du, was du an Equipment mitbringen musst."

Es galt, möglichst wenig mitzunehmen – nicht nur wegen der Stromversorgung, sondern auch, um das Gewicht unserer Rucksäcke gering zu halten. Vor Marsel lagen schliesslich lange Wanderungen auf der Suche nach Drachenblutbäumen im steilen Hajhir-Gebirge. "Ich wusste, dass ich verschiedene Landschaften fotografieren würde und dass ich viel wandern würde. Ich reise normalerweise mit drei Kamerabodys, aber für diese Reise habe ich mich entschieden, leicht zu reisen und nur zwei zu nehmen: die D850 und die Z 7 . An Objektiven habe ich das AF-S NIKKOR 14-24 mm 1:2,8G ED, NIKKOR Z 24–70 mm 1:4 S und das AF-S NIKKOR 70-200 mm 1:2,8E FL ED VR eingepackt. Auf einigen der anstrengenderen Wanderungen habe ich mich dann auf die Z 7 beschränkt, mit dem NIKKOR Z 24-70mm f/4 S Objektiv und dem 14-24mm f/2.8G ED mit dem FTZ-Adapter. Meistens hatte ich die Z 7 während der Wanderungen tatsächlich um den Hals hängen – so leicht ist sie."

D850 | AF-S NIKKOR 14-24mm f/2.8G ED | 14mm | f/11 | 1/30 s | ISO 64

Die Dokumentation „Dragon Blood“ wurde komplett mit der Nikon Z 6 gedreht. Das Plakat zeigt Marsels Lieblingsmotiv aus der Serie.

„In meiner Fotografie konzentriere ich mich auf kraftvolle, grafische Formen, die ich in der Landschaft einsetzen kann. Je grösser mein eigentliches Motiv ist, desto breiter kann ich die Kompositionen gestalten, ohne dass es sich im Bild verliert. Deshalb mag ich Elefanten so sehr für meine Tierfotografie, und für meine Landschaften meine geliebten Bäume.“

Als wir Marsel beten, ein einzelnes Bild auszuwählen, seinen absoluten Favoriten aus der Drachenblut-Tour, hatte er gleich eine Antwort: "Ich habe diese Baumgruppe nachts bei Vollmond aufgenommen. So wurde die Landschaft vom Mondlicht erhellt. Die dunklen, relativ kühlen Töne kontrastieren gut mit dem warmen Licht, das aus meinem Zelt strahlt. Ich liebe diesen kleinen Farbtupfer, der sofort das Auge auf sich zieht. Die Idee war, dass das warme Licht aus dem Zelt den Drachenblutbaum erhellt, der zufällig einer der perfektesten ist, die ich auf meiner Reise gesehen habe. Für mich hat diese Aufnahme viel Tiefe und Stimmung – und das kleine Zelt vermittelt ein Gefühl von Abenteuer. Es ist auch das Bild, das ich für das Filmposter der Dokumentation verwendet habe."

Z 7 | AF-S NIKKOR 70-200mm f/2.8G ED VR II | 90mm | f/11 | 1/160s | ISO 64

Marsels Tipps für angehende Fotografen

Schliesslich baten wir Marsel um einen Rat, den er einem angehenden Fotografen oder Dokumentarfilmer geben würde, der sich einer solchen Herausforderung stellen möchte: „Sicherheit geht vor! Es gibt viele Ziele auf meiner Liste, die nicht sicher sind. Man muss immer sorgfältig abwägen, was auf so einer Reise passieren kann. Es ist toll, leidenschaftlich zu fotografieren und nicht schreckhaft zu sein. Aber sei nicht dumm! Nimm dir die Zeit, die Risiken zu untersuchen und dich auf das Schlimmste vorzubereiten. Die von Regierungen herausgegebenen Reisehinweise unterscheiden sich manchmal von denen anderer Länder komplett und Reisehinweise werden möglicherweise nicht regelmässig aktualisiert. Verfolge die Nachrichten, frage Einheimische, wie die Situation vor Ort ist, und bleibe immer dran – denn die Situation in einem Land kann sich plötzlich ändern. Wenn du dich entscheidest, ein herausforderndes Ziel zu besuchen, solltest du dich immer an diese Regeln halten.“

In der Dokumentation von Marsels Reise kannst du sehen, dass das Erreichen der Drachenblutbäume nur die erste Hürde war. Das unnachgiebige, schroffe Terrain forderte seinen Tribut: ein platter Reifen nach dem anderen. Lange Wanderungen erwiesen sich als erfolglos, da die Bäume sehr schwer zu finden waren. Und trotz der sorgfältigen Vorbereitung gab es auch noch technische Probleme. "Die grösste Herausforderung war tatsächlich die Stromversorgung. Wir waren tagelang ohne Strom in abgelegenen Gebieten unterwegs. Ich wollte auch Nachtaufnahmen und Zeitraffer machen – beides ist sehr batterieintensiv. Bei meiner D850 benutze ich immer den Batteriegriff mit den LI-ION EN-EL18c Akkus, die ewig halten. Die spiegellose Z 7 hat viel kleinere Batterien und braucht auch etwas mehr Energie als eine DSLR. Aber ich war beeindruckt, wie lange diese Batterien tatsächlich halten. Weil sie sehr klein und leicht sind, war es auch gar kein Problem, immer zwei zusätzliche dabei zu haben. So musste ich mir keine Sorgen machen. Eine weitere Herausforderung: Da ich mit nur zwei Bodys unterwegs war, musste ich die Objektive öfter wechseln. Und Sokotra kann sehr staubig sein – ohne Nikon Service Point in der Nähe, der meine Sensoren hätte reinigen können."


Drachenblutbäume fotografieren

Es ging nicht nur darum, die Bäume zu finden – sondern die Bäume mit dem richtigen Hintergrund. Marsel wollte die Bäume in einen Kontext stellen: auf dem Berg, in komplexeren Baumgruppen oder am Rande eines Canyons. Dieses Bild veranschaulicht seinen Ansatz. Mit einer superweitwinkligen Perspektive auf einen typischen Drachenblutzweig, der den Blick auf den Canyon und die Berge im Hintergrund leitet.

Z 7 | NIKKOR Z 24-70mm f/4 S | 70mm | f/5.6 | 1/5.000 s | ISO 64

Wir wollten wissen, welche Wirkung sich Marsel mit seinem Projekt erhofft. Mit welchem Gefühl sollen die Zuschauer seines Films und die Betrachter seiner Bilder nach Hause gehen? Sicher ist, dass es etwas ganz Besonderes ist, ein Einblick in einen Teil der Welt, den nur wenige von uns jemals sehen werden. "Wir leben in einer Zeit, in der Menschen mehr denn je reisen. Orte, die vor zehn Jahren noch völlig unbekannt waren, sind heute beliebte touristische Hotspots. Oft höre ich Leute sagen, dass es keine wilden Orte mehr auf diesem Planeten gibt, keine Orte mehr, die es zu entdecken gilt. Das ist nicht wahr – es gibt immer noch so viele Orte, an denen noch nie jemand gewesen ist. Aber das hat eben meist auch einen Grund. Meistens sind diese Orte zu weit von der Zivilisation entfernt und es ist mühsam, überhaupt dorthin zu gelangen. Oder die politische Situation hat diese Orte isoliert. Sokotra ist eines dieser versteckten Juwelen! Ich hoffe, dass meine Dokumentation einen guten Eindruck von der Insel vermittelt und wie es ist, dorthin zu reisen. Wichtig ist mir auch die Erhaltungsbotschaft – denn die Zukunft der Drachenblutbäume ist ungewiss. Eine der grössten Bedrohungen ist der Klimawandel: Die Insel trocknet aus und die Bäume sterben. Wenn Bauern ihre Ziegen frei herumlaufen lassen, fressen die die jungen Bäume. Der erfolgreiche Erhalt einer Art beginnt, indem wir uns über ihre Bedrohung bewusst werden. Durch die Dokumentation und Bilder hoffe ich, dass es den Menschen Freude macht zu sehen, was dieser besondere Ort zu bieten hat."

Z 7 | AF-S NIKKOR 70-200mm f/2.8G ED VR II | 70mm | f/6 | 1/400s | ISO 500

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