VOLLFORMAT-MASTERCLASS: DSLR ODER SPIEGELLOSE – WELCHE KAMERA PASST ZU WEM?

Mittwoch, 02. September 2020

Wer in die Vollformat-Fotografie einsteigt oder auch wer seine ältere Nikon upgraden möchte, dem stellt sich heute die Frage: Ist für mich eine Spiegelreflexkamera besser oder ein Einstieg in das spiegellose Z-System? Wir zeigen euch hier die Stärken beider Systeme.

Zwei starke Systeme

Spätestens seit Vorstellung der Z 5 bieten wir allen Vollformat-Fotografen von Einsteiger bis Profi zwei vollwertige Systeme. Beide sind erstklassig, und damit stellt sich für euch möglicherweise ganz aktuell die Frage: Spiegel oder kein Spiegel? Wir helfen euch, die für euch passende Antwort zu finden.

Was ist überhaupt der Unterschied?

Auf den ersten Blick ist es ziemlich trivial: In einer Spiegelreflexkamera ist ein Spiegel und in einer spiegellosen Kamera ist keiner. Dieser Unterschied zieht allerdings einen ganzen Rattenschwanz weiterer Unterschiede nach sich, die alle in der fotografischen Praxis mehr oder weniger relevant sind. Dabei haben beide Systeme ihre jeweiligen Stärken, sodass je nach Arbeitsweise und Lieblingsgenre (und auch Vorliebe) für den einen dieses System besser passt und für den anderen jenes. Finden wir heraus, was für euch eine Rolle spielt.

Unser neuester Familienzugang, die Nikon Z 5 ermöglicht einen preiswerten Einstieg in die spiegellose Vollformatfotografie.

Das Innenleben einer Nikon-Spiegelreflex, hier der D6. Für den Blick durch das Objektiv lenkt der Spiegel das Bild nach oben auf die Einstellscheibe. Das Prisma sorgt dafür, dass es im Okular seitenrichtig erscheint. Für die Belichtung klappt der Spiegel nach oben und gibt dem Licht den Weg zum Sensor frei.

Ohne Spiegel entfallen in der Z 7 und den anderen Kameras des Z-Systems auch Einstellscheibe und Prisma. Hinzu kommt dafür ein Display, das das elektronische Sucherbild erzeugt (praktischerweise direkt seitenrichtig).

Der Sucher

Ob man den optischen Sucher einer Spiegelreflexkamera bevorzugt oder den elektronischen einer Spiegellosen ist überwiegend Geschmackssache. Für den optischen Sucher spricht der natürliche, klare Blick auf das Motiv. Mit der enorm hohen Schärfe, Dynamik und der ausserordentlich hohen optischen Qualität der Okulare kommen aber die Sucher der Z-Serie schon sehr, sehr nah an den optischen Sucher heran.

Zusätzlich bieten elektronische Sucher neue Optionen. Zum Beispiel können sie im Sucherbild die eingestellte Bildoptimierung oder andere Faktoren wie etwa den Weissabgleich abbilden. (Wie gesagt, es ist eine Option, der Standard ist eine neutrale Darstellung, die dem optischen Sucher sehr ähnelt.) Bei Dunkelheit sieht man mit einem elektronischen Sucher sogar mehr, da er das Sucherbild aufhellt.

Die roten Kästchen markieren hier im Sucher der D6 die Positionen aller AF-Messfelder. Alle Felder können unabhängig von deren Ausrichtung Motive erfassen – perfekt für eine sichere Nachverfolgung schneller Bewegungen.

Der AF – Spezialist vs. Alleskönner

Nikon-DSLRs sind besonders gut im Fokussieren auf schnell bewegte Motive. Sie besitzen ein spezielles AF-Modul mit vielen AF-Messfeldern, die alle nach dem Prinzip der Phasenerkennung funktionieren. Technisch ist das kompliziert, praktisch ist es einfach sehr zuverlässig und schnell. Der Haken: Dieses System funktioniert nur, solange der Spiegel unten ist, also nicht im Live-View-Modus oder während einer Filmaufnahme. Dann muss die Kamera mit dem Bildsensor fokussieren. Die Modi für die AF- und Messfeldsteuerungen sind also bei der Sucherfotografie einerseits und im Live-View-/Videobetrieb andererseits unterschiedlich. Der Live-View-AF ist zwar auch sehr präzise, aber etwas langsamer als das separate AF-Modul – bei sehr schnellen Motiven kann das ein Problem sein.

Bei den spiegellosen Kameras des Nikon-Z-Systems ist das schnelle Phasenerkennungs-AF-System in den Bildsensor integriert. Egal, ob ihr den elektronischen Sucher verwendet oder den Monitor – anders als eine Spiegelreflexkamera wechselt eine Spiegellose nicht den Funktionsmodus. Das ist eine echte Stärke beim Filmen, weil dasselbe AF-System weiter genutzt werden kann.

Die hohe Auflösung des Bildsensors ermöglicht den Kameras der Z-Serie, automatisch Augen zu erkennen und darauf zu fokussieren. Also: Bei schnellen Bewegungen sticht der AF einer Spiegelreflex, bei schnellen Porträts der einer Spiegellosen.

Die Optik

Die NIKKOR-Spiegelreflex-Objektive mit F-Bajonettanschluss sind führend und zurecht weltweit beliebt. Die Objektive für das neue Z-System sind allerdings noch besser. Der Grund ist das neue Bajonett, das nicht nur einen grösseren Durchmesser hat (mit 55 mm den grössten aller vergleichbaren Systeme (Stand März 2020) sondern mit nur 16 mm auch ein sehr geringes Auflagemass (so heisst der Abstand zwischen Bajonettauflage und Sensorebene).

Beides bedeutet für unsere Optik-Ingenieure eine nie zuvor dagewesene Freiheit bei der optischen Konstruktion. Wo bei einem Spiegelreflex-NIKKOR zwischen hinterster Linse und Sensor noch Platz für den Spiegel gelassen werden musste, kann beim Z-System eine sehr grosse hinterste Linse fast unmittelbar vor dem Sensor platziert werden. So kann ein Objektiv das Licht optimal bis in jeden Winkel des Bildfelds leiten. Das Ergebnis ist eine höhere Auflösung bis in die Ecken, ein noch feineres Bokeh und eine geringere Vignettierung. Und wer seine bewährten F-NIKKORe mit einer Kamera des Z-Systems weiternutzen möchte, für den gibt es den Bajonettadapter FTZ.

Hier seht ihr die D780 und Z 7 im Vergleich der Auflagemasse. Jeweils rechts auf beiden Kameras seht ihr die Sensormarkierung, die wir hier parallel aneinander ausgerichtet haben. Der Abstand vom einen Bajonett zum anderen ist also der Raumgewinn durch das Z-System gegenüber dem F-Bajonett.

Live View & Video

Eine Spiegelreflexkamera muss im Live View und bei Videoaufnahmen auf eine grundlegend andere AF-Technologie zugreifen als bei der Sucherfotografie. Denn wenn der Spiegel hochgeklappt ist, um dem Sensor den Blick aufs Motiv freizugeben, kann ihr AF-Sensor nicht weiterarbeiten. Diese Aufgabe muss nun der Bildsensor übernehmen. Die Folge ist: DSLRs fokussieren im Live View zwar sehr präzise, aber fast immer langsamer als mit dem optischen Sucher. Bei Z-Kameras hingegen gibt es keinen Unterschied zwischen Sucher- und Live-View-Fotografie und auch beim Filmen stehen dieselben AF-Optionen zur Verfügung wie beim Fotografieren.

Die Z 6 mit einem Video-Rigg – ein perfektes Werkzeug für Videografen.

Auch über den AF hinaus bietet die D780 professionelle Videografie-Optionen, zum Beispiel die externe Aufzeichnung mit N-LOG oder HLG sowie eine Zeitcode-Ausgabe.

Sonderfall D780

Die neue D780 passt schlecht in eine Schublade, denn sie bietet das Beste aus beiden Welten. Sie ist erst einmal eine Spiegelreflexkamera und beim Fotografieren mit dem optischen Sucher verhält sie sich auch genauso. Im Live View und beim Filmen verhält sie sich allerdings wie eine spiegellose Kamera der Z-Serie, denn auch sie verfügt über einen Bildsensor mit eigenem, integriertem AF-System. Wer also für das Fotografieren am optischen Sucher festhalten und trotzdem optimal für die Videografie gerüstet sein möchte, für den ist die D780 perfekt.

Fazit

Für die professionelle Action- und Sport-Fotografie führt bislang kein Weg an einer Spiegelreflex vorbei. Ihre AF-Leistung bei der Verfolgung schnell bewegter Motive ist bis auf weiteres unschlagbar. Für Videografen sind die Kameras der Z-Serie die erste Wahl. Gleiches gilt natürlich für alle, die von der gesteigerten Abbildungsleistung der Z-NIKKORe profitieren wollen. Für praktisch alle anderen Anwendungen und Genres eignen sich beide System sehr gut. Ihr könnt ich also auch von eurem Geschmack leiten lassen.

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